Ein Blick in meine Schreibwerkstatt: Auszug aus dem nächsten Cori-Stein-Thriller

Während ein Buch entsteht, gebe ich hier im Blog immer mal wieder Einblick in meinen Schreibprozess. Im Hinblick auf die Cori-Stein-Thriller findet ihr solche Posts in dieser Rubrik. Montag vor einer Woche, am 25. September, habe ich etwas auf meiner Facebookseite geschrieben, das sehr gut dazu passt. Deshalb poste ich hier noch einmal eine leicht abgeänderte Version:

Ich schreibe meine Romane nie streng der Reihe nach. Ich beginne natürlich am Anfang und gehe prinzipiell so vor, aber wenn mir während des Planens und des Schreibens etwas zu einem späterem Kapitel einfällt, halte ich das auch schon fest. (Was dank der Schreib-Software Scrivener einfacher ist.) Sicher ist sicher. So kommt es, dass ich erstens immer noch dabei bin, die Handlung des nächsten Cori-Stein-Thrillers im Detail zu entwerfen, was bei den vielen Orten, Geschehnissen und Personen (die auch noch alle möglichen Geheimnisse haben) gar nicht so einfach ist. Dass ich aber zweitens schon fast 70000 von geplanten 150000 Wörtern geschrieben habe.

Das alles dient als lange Einleitung für das Folgende: Gerade eben hatte ich spontan Ideen für eine Szene im letzten Drittel des Buchs. Dort will Cori in der Gedenkstätte Yad Vashem in der Nähe von Jerusalem einen Informanten treffen. Während sie wartet, besucht sie die Gedenkstätte für die etwa 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder. Und zu dieser Szene fiel mir gerade spontan eine lange Passage ein, die ich sofort aufgeschrieben habe. Es ist nur ein Entwurf, den ich noch überarbeiten muss, aber hier ist der betreffende Text:

Vorbei an dem Relief ((ihr seht es in dem Foto oben)) führte der Weg hinein ins Innere des kleinen Hügels. Wie die Personen vor ihr ging Cori langsamer. Es gab kein Gedränge, niemand sagte etwas. Drinnen war es dunkel, so dass man mit der Rechten einen Handlauf ergreifen und sich, dessen Führung folgend, vorwärtsbewegen musste. Nur einige kleine Kerzenlichter flackerten. Später las sie … ((ergänzen))

Und dann hörte sie die Stimme. Die Stimme, die die Namen der getöteten Kinder verlas, einen nach dem anderen, in einer unaufhörlichen Folge, wie alt sie waren, von wo sie stammten. Und sie hörte Schluchzen, das Schluchzen der beiden Frauen, die vor ihr gingen.

Cori schluchzte nicht. Wie benommen taumelte sie durch das Dunkel, nahm nichts um sie herum wahr als die Namen, die endlose Litanei der Namen der getöten Kinder. Sie weinte lautlos, Tränen der unendlichen, bodenlosen Trauer. Sie strömten einfach so über ihr Gesicht, ohne dass sie es zunächst merkte und ohne dass sie etwas dagegen tun konnte oder wollte. Als sie schließlich aus der Dunkelheit und dem endlosen Strom der Namen der getöten Kinder heraus und wieder ans Licht trat, stellte sie sich abseits. So, wie es auch einige andere taten. Sie schaute auf die die schöne Anlage mit ihren … ((ergänzen))

„Hör auf zu heulen. Weinen bringt dich nicht weiter“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Und sie hatte ja recht. Wem nützte es, wenn sie, die Deutsche, hier herumstand und heulte. Wie vermutlich viele vor ihr an diesem Ort schwor sie: NIE WIEDER. Nie wieder durfte so etwas geschehen. Nie wieder, das war ihre Verantwortung. Das war das Eine, das Einzige, das sie tun konnte.

Hier, in Yad Vashem, konnte man besichtigen, ach was, man konnte es beinahe miterleben, auf alle Fälle konnte man es fühlen, was geschah, wenn man Menschen in „Wir“ und „die Anderen“ einteilte und das mit kalter Konsequenz bis zum bitteren Ende umsetzte. „Die Anderen“ waren: der Feind, Untermenschen, Ungeziefer. Diese Aufspaltung in „Wir“ und „die Anderen“ war einer der liebsten Tricks aller Populisten, denn es trieb ihnen Anhänger in Scharen zu. Immer, immer gab es welche, die darauf hereinfielen, die ihren Hass gegen „die Anderen“ richteten, weil es einfach war und weil es sich so, so gut anfühlte. Doch das entschuldigte nichts. Nicht mehr. Wer nicht aus der Geschichte lernte, der tat das, weil er es nicht wollte.

Coris Tränen begannen zu trocknen. Die Sonne schien so warm, das Grün der Bäume und Sträucher strahlte so frisch ((s. Foto unten)). So beruhigend. Doch immer wieder drängte sich das Gesicht des kleinen Uziel in ihr Bewusstsein. Plötzlich konnte sie ihre Mutter verstehen und deren Verachtung, Abscheu und Wut angesichts alter und neuer Nazis.

„Cori?“, fragte eine Männerstimme neben ihr. …

Das Foto oben zeigt das besagte Relief, das Uziel Spiegel darstellt, den ermordeten Sohn des Ehepaars, das die Kinder-Gedenkstätte gestiftet hat. Ich habe es gemacht, als ich im März in Israel war. Ebenso das folgende Foto. Im Hintergrund, ziemlich genau in der Mitte, sieht man die abgebrochenen Stelen, die sich außen auf bzw. über der Gedenkstätte befinden.

Ich schreibe keine politische Propaganda. Das finde ich als Autorin und als Leserin langweilig. Wer von euch Cori kennt (und ihre Mutter), wird einiges in dem Textauszug als typisch für sie wiedererkennen, von manchem vielleicht auch überrascht sein. Und wer mich kennt, weiß, dass ich nicht Cori bin. Aber auf die eine oder andere Weise spiegeln natürlich alle meine Geschichten meine Haltung wider. (Was man vermutlich von den meisten Schriftstellern sagen kann.)

Das war ein weiterer Einblick in meine Schreibwerkstatt, der euch veranschaulichen soll, wie meine Geschichten entstehen und was alles in sie einfließt.

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