Das erste Kapitel meines neuen Cori-Stein-Thrillers

covercs3-2Heute morgen habe ich die erste Fassung meines nächsten Cori-Stein-Thrillers fertiggestellt. Es wird in zweifacher Hinsicht ein Winterbuch: 1. spielt es im verschneiten Russland. 2. erscheint es in diesem Winter, voraussichtlich noch in diesem Jahr. Worum es geht, könnt ihr in einem früheren Post lesen.

Zur Feier des Tages möchte ich euch, meinen Lesern, einen Vorgeschmack geben. Voilà das erste Kapitel (bitte dran denken: es ist die erste Fassung):

Mila hatte es nur ihrem Schutzengel zu verdanken, dass die ersten beiden Schüsse sie verfehlten. Genau in dem Moment, als sie sich bückte, um eine Münze aufzuheben, die golden auf dem festgetretenen Schnee des Bürgersteigs glänzte, schlugen knapp über ihr zwei Kugeln in die Häuserwand ein. Stein- und Putzbrocken prasselten auf sie herab und ihre Enttäuschung darüber, dass es sich bei der Münze nur um einen Schokoladentaler in Stanniol handelte, verwandelte sich blitzschnell in Dankbarkeit.

Dass die nächsten Schüsse fehlgingen, verdankte sie ihrer schnellen Reaktion und der Sprintkraft ihrer Beine. Es schadete auch nicht, dass bereits die Abenddämmerung eingesetzt hatte.

Mila tat alles, um diesen Vorteil zu nutzen. Sie hielt sich fern vom Licht der Straßenlaternen und lief Haken schlagend wie ein Hase zwischen den wenigen Passanten hindurch, die sich bei diesem Wetter nach draußen gewagt hatten und die ihr, aber hoffentlich auch dem Mann, der sie verfolgte, im Weg waren.

Der Kerl war ein Profi, das erkannte sie sofort, an seiner Haltung, als sie ihn kurz aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, und an der Tatsache, dass er eine Waffe mit Schalldämpfer benutzte.

Ob einer der Passanten erkannt hatte, was passierte, und die Polizei rufen würde? Ihr Verfolger versuchte gar nicht mehr, sich unauffällig zu verhalten. Offenbar war er sich sicher, dass jemand seine schützende Hand über ihn halten würde. Vermutlich handelte es sich um einen ehemaligen Angehörigen eines Geheimdienstes, des Militärs, vielleicht auch um einen Polizisten in Zivil.

Was Mila Tschechowas Flucht erschwerte, war, dass sie sich in Jekaterinburg kaum auskannte. Im heimischen Moskau wäre das anders. Dort kannte sie viele Verstecke, kleine Gässchen und geheime Hinterausgänge. Dichter Schneefall hatte eingesetzt, was ihr Fortkommen behinderte, aber hoffentlich auch ihrem Verfolger das Leben schwerermachte.

Der Mann hatte zwischen hupenden Autos die Straße überquert und sie konnte das harte Stampfen seiner Stiefel hören, das durch den Schnee nur wenig gedämpft wurde. Das zumindest wusste Mila: Diese Straße führte auf eine Brücke, die in weniger als 100 Metern die Isset überspannte.

Sie spürte, wie eine Kugel dicht an ihrem Kopf vorbeizischte, als sie den Bordstein hinuntersprang und über die freie Straße durch den Schneematsch schlitternd auf die andere Seite hetzte. Der weiße Lada Kalina, der auf der Gegenfahrbahn wie aus dem Nichts auftauchte, verfehlte sie nur knapp. Der Fahrer hupte, stieg in die Bremsen, die Räder drehten auf der schneenassen Fahrbahn durch. Mila hörte, wie Kugeln in die Karosserie einschlugen. Inzwischen feuerte der Mann unaufhörlich, wie in einem Actionfilm.

Und er kam näher. Mila rannte wie noch nie in ihrem Leben, aber ihre eleganten Stiefeletten hatten keine Profilsohlen und mehr als einmal wäre sie beinahe der Länge nach hingeschlagen. Deckung. Sie brauchte etwas, irgendetwas, das ihr eine bessere Deckung vor den Kugeln bot.

Schon hatte sie die Brücke erreicht, die in einem flachen Bogen den Fluss überquerte. Sie rannte weiter bis zum höchsten Punkt, kletterte geschickt über das steinerne Geländer und duckte sich. Keine Sekunde zu früh. Kugeln pfiffen über sie hinweg. Andere schlugen in der dicken, massiven Steinmauer ein, die ihr zumindest vorübergehend Schutz bot.

Sie versuchte, sich zu orientieren. Eine Ebene tiefer zierte eine Reihe von bogenförmigen Aussparungen die Brücke. Eine befand sich schräg links von ihr. Wenn sie die erreichen und sich in der Nische verbergen konnte, könnte sie den Verfolger vielleicht täuschen und ihm entkommen.

Oder, mit etwas Glück, hatte ein Auto die Sicht blockiert und er hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich über das Geländer geschwungen hatte. Auch das Schneegestöber war immer dichter geworden.

Mila kniete sich hin, drehte sich auf dem schmalen Vorsprung um, wischte links und rechts den losen Schnee beiseite und umfasste die steinerne Kante auf beiden Seiten mit ihren Händen. Ihre Handschuhe aus feinstem Ziegenleder würden durch diese Aktion ruiniert, doch Milas Griff war fest. Sie schob ihre Beine weiter und weiter, dann den restlichen Körper. Kurz baumelten ihre Beine in der Luft, sie schwang sie zur Seite, sprang, ihre Füße landeten auf festem, trockenem Untergrund und sofort drückte sie sich gegen die Rückwand des Bogens, so dass sie in dessen Schatten verborgen war. Sie hielt den Atem an.

Die Schritte kamen näher. Es hörte sich so an, als ob der Mann nicht mehr rannte, sondern gemächlich joggte. Vielleicht, um die Lage besser zu überblicken oder nachzudenken.

Was jetzt? Sie könnte sich von Bogen zu Bogen hangeln, immer in Gefahr abzustürzen. Aber wenn der Mann beschloss, ihr zu folgen, hatte sie keine Chance. Auf diese kurze Distanz würden seine Schüsse sie nicht länger verfehlen.

Sie hörte Polizeisirenen, doch sie waren weit entfernt. Zu weit. Außerdem: Wer garantierte ihr, dass die Polizisten nicht wegsahen oder mit ihrem Verfolger gemeinsame Sache machten?

Sie hörte das Ratschen, mit dem er ein neues Magazin in den Griff seiner Pistole schob, und fröstelte.

Nein, sie war auf sich allein gestellt. Wie so oft war sie ganz in Schwarz gekleidet und ihr Haar war ebenfalls pechschwarz. Hier im Schatten des Brückenbogens wäre sie hoffentlich unsichtbar, solange sie ihr Gesicht abwandte und niemand ihr folgte oder zu genau hinschaute. Sie dachte kurz daran, sich irgendwie hängend unter der Brücke zu verstecken, aber Akrobatik war nicht ihr Ding. Sie setzte lieber auf ihren Verstand.
Mila schaute zum Fluss hinunter, dessen Wasser schwarz und unheimlich, vermutlich eisig kalt und wenig verlockend etwa zehn Meter unter ihr dahinfloss.

Sie hatte keine andere Wahl. Was sein musste, musste sein. Sie gab sich einen Ruck.
Rasch streifte sie den Schulterriemen ihrer schweren Tasche ab und nahm aus ihr Geld, Papiere, Schlüssel heraus. Dann warf sie die Tasche in die Isset — mitsamt ihrem Laptop und einem Bildband über Mode, den sie für ihren Zweitjob als Mitarbeiterin einer Frauenzeitschrift brauchte. Als die Tasche auf dem Wasser aufschlug, platschte es laut. Gut. Darauf hatte sie gebaut.

Einen Laptop konnte sie ersetzen und ihre Dateien würde sie in der Cloud wiederfinden. Für ihr Leben gab es keine Sicherungskopie. Sie drückte sich fest an die Hinterwand der Nische. Jetzt kam‘s drauf an.

Genau in diesem Moment hatte der Mann das Brückengeländer direkt über ihr erreicht. Die Schritte verstummten. Dafür fluchte er laut. Endlose Minuten schienen zu vergehen, bis sie schließlich die erlösenden Worte hörte.

„Verdammt! Die dumme Kuh ist in den Fluss gesprungen“, schimpfte er mit rauer Stimme. Dann Stille, während er offenbar auf und ab ging und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. „Ich kann sie nicht sehen. Wenn wir Glück haben, ist sie ertrunken.“ Seine Stimme war so laut, dass sie mühelos jedes Wort verstehen konnte. „Nitschewo. Nichts. Okay, Boss.“

Anscheinend telefonierte er mit jemandem. Oder hatte er eine dieser Sprechvorrichtungen, wie man sie bei Geheimdienstleuten im Film sah und sein „Boss“ befand sich ganz in der Nähe?

Sie hörte, wie ein schwerer Stiefel (vor Wut?) gegen die steinerne Brüstung trat. Dann entfernten sich die Schritte.

Mila verharrte regungslos im Schatten des Bogens. Obwohl sie die Kälte, die von den Mauersteinen durch ihre Kleidung gedrungen war und ihren gesamten Körper ergriffen hatte, kaum noch ertragen konnte, musste sie abwarten, bis nicht nur ihr Verfolger endgültig verschwunden war, sondern auch die Polizisten, die in diesem Moment auf der Brücke anhielten.

Mit zitternden Händen zog sie ihr Handy hervor und schaute auf die Digitalanzeige. 20:18 Uhr. Es konnten keine fünf Minuten vergangen sein, seit die ersten beiden Kugeln dicht über ihrem Kopf eingeschlagen waren, doch Mila kam es vor wie eine halbe Ewigkeit. Für das, was sie gerade erlebt hatte, gab es nur eine Erklärung: Petrow musste ihr auf die Schliche gekommen sein.

Das bedeutete auch: Es gab nur eine Person, die ihr jetzt noch helfen konnte und die den Mut aufbringen würde, das auch zu tun.

***

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