Mildernde Umstände – ein Kurzkrimi und die wahre Begebenheit, die mich dazu inspirierte

MordLA

The Married Woman Who Kept Her Lover in the Attic | Atlas Obscura – Foto: public domain

Gerade habe ich bei Twitter einen Hinweis auf einen Artikel entdeckt, der eine wahre Geschichte schildert, die sich Anfang des vorigen Jahrhunderts in den USA abgespielt und die mich vor Jahren zu einem Kurzkrimi inspiriert hat. (Mehr darüber am Ende dieses Posts.)

Ich musste erst etwas in alten Manuskripten suchen, aber hier ist er nun der besagte Kurzkrimi:

 

Mildernde Umstände

Heute war es wieder soweit. Er konnte nicht glauben, dass ihm früher an Wintertagen bei diesem Geruch das Wasser im Munde zusammengelaufen war. Allein der Gedanke ließ ihn schaudern. Ihn nannten sie ein Monster? Nur weil er seine Frau erschlagen hatte? Eine Tat, die jeder verstand, der einmal einen ihrer Mecker- und Heulanfälle erlebt hatte. Aber was war mit Bernd, der Woche für Woche, Jahr für Jahr auf seiner gebratenen Blutwurst bestand, die die Luft verpestete? Im Sommer gab es regelmäßig Krach mit den Nachbarn, so dass Gisela die Fenster der Küche geschlossen ließ, was seine Lage hier oben auf dem Dachboden nicht verbesserte.

Donnerstag. Heute war es wieder soweit. Gisela bereitete Bernd, ihrem Mann, sein Lieblingsgericht zu wie jede Woche. Er hörte, wie sie unten mit den Kochgeräten klapperte, wie sie Wasser in den Topf laufen ließ, um die Kartoffeln für die Stampfkartoffeln zu kochen. „Den Salat lässt er immer stehen“, hatte Gisela mehr als einmal geklagt.

Sie beide hätten es so schön haben können. Er hatte sich auf dem Dachboden eingelebt und Gisela hatte es sich in dem Leben mit ihren beiden Männern eingerichtet. Er war ihre große Liebe. Aber das hatte sie erst beim Ball der freiwilligen Feuerwehr entdeckt, als sie schon drei Jahre mit Bernd verheiratet war. Sie zögerte noch, es ihrem Mann zu sagen und sich scheiden zu lassen, als „der Unfall“ passierte, wie er es nannte. Karin, seine Frau, hatte ihn einmal zu oft provoziert. Ein Schlag mit dem Bügeleisen und sie hielt endlich für immer den Mund. Allerdings musste er untertauchen. Gisela hatte ihn gleich aufgenommen, ohne Wenn und Aber. Das rechnete er ihr hoch an. Und sie hatten Glück im Unglück: Bernd hatte Angst vor Dachböden, seit ihm dort als Kind einmal eine Katze ins Gesicht gesprungen war. Im Laufe der Jahre hatte sich eine Routine eingespielt, mit der alle zufrieden waren. Bernd natürlich ohne zu wissen, was sich über seinem Kopf auf dem Dachboden abspielte.

Unruhig ging er ein paar Schritte. Die Dielen knarrten, aber das machte nichts. Nach fast 20 Jahren im Straßenbau und am Presslufthammer war Bernd halbtaub.

Jeden verfluchten Donnerstag seit nun bald 15 Jahren musste er das aushalten. Das Haus war alt, aus dem 19. Jahrhundert, und der Dachboden roch modrig und muffig nach stockiger Wäsche und vergammelnden Büchern und Kartons. Doch das konnte er alles ertragen. Als flüchtiger Mörder durfte er nicht wählerisch sein. Alles in allem waren sein Leben mit Gisela und die Zeit, die sie miteinander verbrachten, wenn sie mit dem Haushalt fertig war, nicht schlecht. Wenn Bernd alle zwei Wochen zum Kegeln ging, machten sie sich einen schönen Abend im Wohnzimmer. Sie zogen die schweren Vorhänge zu und machten es sich vor dem riesigen Flachbildschirm gemütlich.

Er hatte versucht, sich die Nase zuzuhalten. Hatte sich mit einer Wäscheklammer, die er fand, die Nase zugeklemmt. Er hatte Gisela um Watte gebeten und sich damit die Nasenlöcher zugestopft. Nichts half. Denn dann legte sich der Geschmack der Küchendünste schwer und klebrig auf Zunge und Gaumen. Und: Wie lange konnte man schon nur durch den Mund atmen? Er hielt es nicht länger als zwei, maximal drei Stunden aus. Die Dunstabzugshaube, von der Gisela so schwärmte, nützte rein gar nichts. Der Geruch fand unweigerlich seinen Weg zu ihm nach oben, durch die Bodenritzen und durch die Luke, die als Einstieg zu seinem Versteck diente. Und hier auf dem schlecht belüfteten Dachboden hielt sich der Gestank, denn das kleine Dachfenster ließ kaum frische Luft herein.

Besonders schlimm war es, wenn Gisela die Wurst verbrennen ließ, was ungefähr jedes zweite Mal passierte, Bernd aber anscheinend nicht den Appetit verdarb. Nur um ihn zu quälen, so hatte er das Gefühl, klammerten sich die verbrannten, fettigen, manchmal auch süßlichen Gerüche, die ihn an verwesendes Fleisch denken ließen, an den Holzbalken, den Kartons und seiner Matratze fest, nisteten sich im Bettzeug und in seiner Kleidung ein. Einen Tag, zwei Tage, ja, er könnte schwören, manchmal drei Tage dauerte es, bis er wieder durchatmen konnte. Bis die Luft im wahrsten Sinne des Wortes wieder rein war. Er hatte das Gefühl zu ersticken.

„Ich kann für nichts garantieren, wenn du das Zeug noch einmal kochst“, hatte er Gisela vor ein paar Wochen gewarnt. Aber sie hielt das für einen Witz. Meinte, er solle sich nicht so anstellen. Manchmal, in seinen dunkelsten Momenten, hatte er den Verdacht, dass sie das Zeug selbst gerne aß. Das machte ihn noch wütender und aggressiver. Aber wenn er wieder klar denken konnte, sagte er sich: Nein, das war unmöglich. Eine so feine, reinliche Frau wie Gisela, die immer so gut nach Maiglöckchen-Parfum duftete. Oder?

Inzwischen wurde ihm schon mittwochs übel. In der Nacht zum Donnerstag brach ihm jedes Mal der Schweiß aus und er fand kaum Schlaf. Folter, das war es, nichts anderes. Jetzt im Sommer war es besonders schlimm, wenn es heiß war und der Dachboden sich aufheizte wie ein Backofen. Vollends unerträglich wurde es, wenn Gewitterluft sich schwül und feucht ausbreitete wie an diesem Spätnachmittag, wenn sich draußen und drinnen kein Lüftchen rührte, wenn Windstille schwer auf allen und allem lastete. Nur der vermaledeite Gestank, der kroch wie immer durch alle Ritzen.

Aber jetzt war Schluss damit! Er riss die Luke auf, hielt sich am Rand der Öffnung fest und sprang hinunter. Für die Leiter hatte er keine Zeit. Er musste dem Ganzen ein Ende machen.

Bernd saß nichts ahnend am Tisch, mit dem Rücken zur Tür. Er packte ihn, riss ihn vom Stuhl, knallte ihn gegen die Wand, ohne ihn loszulassen. Zog ihn weiter, schubste ihn durch die Küche.

Gisela stand starr, die Augen schreckgeweitet. Als sie hörte, wie Bernds Kopf auf die Kante des Unterschranks krachte, wurde ihr wohl endlich bewusst, dass es kein Witz war, als er sie vor zwei Tagen gewarnt hatte: „Ich bringe ihn um. Wenn du noch einmal Blutwurst brätst, bringe ich ihn um.“ Doch der einzige Laut, den sie jetzt herausbrachte, war ein leises Quieken.

Er griff sich den Kartoffelstampfer aus massivem Buchenholz und hieb auf den besinnungslosen Bernd ein, so dass kleine Fetzen von Kartoffelmasse durch die Küche flogen. „Nie – mehr – Blutwurst. Hörst du. Nie – wieder.“

Bernd war auf dem grau-schwarz-grün melierten Linoleumboden zusammengesunken, der, abgesehen von ein paar Blut- und Kartoffelbreispritzern, makellos sauber war. Man musste schon genau hinsehen, um sie zu entdecken. Das war der Vorteil von melierten Böden, hatte Gisela ihm erklärt. Man sah die Flecken kaum.

Vielleicht hätten sie noch alles irgendwie regeln können, dachte er später. Aber da zischte es auf dem Herd und eine fettige Wolke von Blutwurstdünsten stieg auf. Er riss die Pfanne hoch. Das Fett schwappte und spritzte gegen die geblümte Tapete. Wurstscheiben klatschten auf den Boden. Mit einem Aufschrei wie ein Hammerwerfer schleuderte er die gusseiserne Pfanne durch das geschlossene Fenster.

Das blieb nicht unbemerkt. Ein Nachbar rief die Polizei und den Rest konnte man am nächsten Tag auf den Straßen und in den Geschäften des Dorfes hören, am frühen Abend in den Boulevardprogrammen der diversen Fernsehsender sehen und am übernächsten Morgen in allen Zeitungen landauf und landab lesen. Reiner F., der Doppelmörder, ließ sich widerstandslos festnehmen. Gisela S. dagegen, die ihn 15 Jahre lang versteckt hatte, jammerte und wehrte sich. Sie klagte, sie könne ihre Küche doch unmöglich in so einem Zustand zurücklassen. Wenigstens den Boden wollte sie wischen und versuchen, ob sie die Tapete mit den Resten, die sie aufbewahrt hatte, ausbessern könnte.

Der Staatsanwalt klagte Reiner F. wegen Mordes an, Motiv: Eifersucht. Sein Verteidiger plädierte auf Unzurechnungsfähigkeit. Schließlich hatte sein Mandant bei der Verhaftung wieder und wieder gemurmelt: „Schluss, jetzt ist endlich Schluss mit der verdammten Blutwurst.“

Im privaten Kreis ließ der zugereiste Anwalt allerdings verlauten, dass er „mildernde Umstände“ für zutreffender hielt. „Gebratene Blutwurst. Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ich nenne das barbarisch. Letztlich kann da jeder zum Mörder werden.“ Die Stammtischbrüder am Nebentisch wechselten verständnislose Blicke. Diese Städter – keine Ahnung von guter Küche.

Walburga_Oesterreich,_circa_1930

Walburga Oesterreich, circa 1930. Foto: public domain, s. https://en.wikipedia.org/wiki/Walburga_Oesterreich

Hier der Link zu dem Artikel: The Married Woman Who Kept Her Lover in the Attic. Der Beitrag ist gerade erst erschienen, kann mich also nicht inspiriert haben. Auch enthält er mehr Details, als ich in Erinnerung habe. Ich bin aber sicher, dass es sich um dieselben Ereignisse handelt, von denen ich vor Jahren gelesen habe. Wie oft kann so etwas sich schon in Kalifornien (daran erinnere ich mich noch) zugetragen haben?

Auf alle Fälle ist, denke ich, klar erkennbar, dass es bei diesen Dingen nicht darum geht, etwas 1:1 nachzuerzählen. Vielmehr bringen solche Storys den Stein ins Rollen, indem ich mich frage: Was wäre, wenn …? Und dann vor mich hin fantasiere und Szenarien entwerfe. In diesem Fall für einen Kurzkrimi, denn die habe ich vor Jahren bevorzugt geschrieben, ehe ich mich an längere Texte gewagt habe.

Dieses Beispiel erklärt auch, warum ich so gerne und so viel und alles Mögliche lese. Das Internet ist da natürlich eine Fundgrube.

Letztlich enthält auch dieser Post also eine Antwort auf die Frage:

Woher kommen die Ideen für meine Bücher? (bzw. für meine Geschichten allgemein)

Noch mehr Antworten:

Wo meine Ideen herkommen (ein kleines Beispiel)

und

Krimiautorinnen, die auf Videos starren

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