Kommissar Kolm und die fünf Clues

KK_DerToteiSNeulich sah ich einen Hinweis auf Die Clue-Writing-Blogparade und war sofort fasziniert. Dafür soll man eine Geschichte schreiben, die eine Reihe von Bedingungen erfüllen muss:

Das Setting soll sein: ein Salon.

Außerdem sollen folgende Wörter (Clues) darin vorkommen: Paranoia, Interesse, Tablett, Würfel, Gallenstein.

Länge der Geschichte: zwischen 870 und 1700 Wörtern.

Was mich sofort inspirierte, war das Wort „Salon“ (also das Setting). Unwillkürlich sah ich meinen Kommissar Kolm vor mir. Warum? Keine Ahnung. Doch schon begann ich, ausgehend von meinem Kommissar in einem gutbürgerlichen Salon eine Geschichte zu spinnen, in der die übrigen fünf Stichwörter vorkamen.

Kommissar Kolm hat sich dieses Mal besonders beeilt und der Fall war nach 1081 Wörtern gelöst. Bitte sehr:

Kommissar Kolm und der Tote im Salon

„Nanu, sind wir die Ersten, Kästing?“ Kommissar Gernot Kolm schaute sich im Wohnzimmer der Konrads um. „Die Kollegen von der Spurensicherung und unsere Frau Doktor stecken wohl im Stau.“

Er schmunzelte. „Ob wir den Fall wohl lösen können, bevor sie eintreffen? Das wär ja mal was.“

Oliver Kästing betrachtete seinen Chef zweifelnd. Dann wandte er sich an die Dame des Hauses: „Sie haben also Ihren Mann vor etwa einer Stunde tot aufgefunden?“

Jessica Konrad tupfte sich mit einem Taschentuch imaginäre Tränen aus den Augenwinkeln und nickte. „Ja, und dann habe ich gleich unseren Hausarzt gerufen.“

Ein älterer Herr trat auf sie zu. „Doktor Franke“, stellte er sich vor.

„Und das ist Roberts Neffe Simon.“ Frau Konrad wedelte mit der Hand, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. Der so Vorgestellte nickte schüchtern.

„Na, da haben wir ja alle Verdächtigen beisammen“, sagte Kolm und ergänzte sofort: „Kleiner Scherz.“

„Sie haben Ihren Mann so vorgefunden?“, fragte Kästing schnell und zeigte auf den Toten, der verkrampft und mit verzerrtem Gesicht in einem Ohrensessel saß.

Jessica Konrad nickte und der Hausarzt erklärte: „Ich habe den Verdacht, dass der Tod durch Gift verursacht wurde. Deshalb habe ich Sie gerufen.“

„Glauben Sie, diese possierlichen Kerlchen sind schuld?“ Kolm betrachtete voller Interesse ein Terrarium, das schräg vor dem Sessel des Verstorbenen auf einem Metallschrank an der Wand aufgebaut war. Das Silber des Schranks und seine schmucklose Schlichtheit passten nicht andeutungsweise zum übrigen Dekor des Raums. Was Kolm jedoch faszinierte, waren die winzigen knallroten Fröschen in der dunkelgrünen Bepflanzung, die an einen Dschungel erinnerte.

„Südamerikanische Pfeilgiftfrösche“, sagte der Neffe kaum hörbar. Seine Augen weiteten sich und machte automatisch einen Schritt zurück.

„Die Symptome deuten auf eine solche Vergiftung hin“, sagte fast gleichzeitig Dr. Franke. „Natürlich bin ich kein Experte.“

„Könnte Herr Konrad durch Unachtsamkeit …?“, fragte Kästing, aber der Arzt unterbrach ihn: „Unwahrscheinlich. Er wusste, dass die Haut der Frösche extrem giftig ist und war immer sehr vorsichtig.“

Kolm begab sich in die Mitte des Zimmers und betrachtete nachdenklich das große Panoramafenster und die sich anschließende Terrasse: „Interessante Wahl, dieses Fenster zu vergittern. Hier im Wohnzimmer.“

„Salon!“, sagte die Hausherrin mit schriller Stimme. „Dies hier ist unser Salon.“ Automatisch zupfte sie ein Spitzenschondeckchen auf der Kopflehne eines Sessels zurecht.

„Mein Onkel litt unter Paranoia“, sagte Simon leise.

Kolm schaute den Arzt fragend an.

Der nickte. „Ja, das kann man so sagen. Ich weiß gar nicht, wie oft er mich gerufen hat, weil er glaubte, jemand habe ihn vergiftet. Dabei hat nur sein Gallenstein aufgemuckt. Ich wollte ihn überreden, ins Krankenhaus zu gehen. Aber davor hatte er eine völlig unbegründete Angst.“

„Nun, jetzt hat ihn jemand vergiftet. Offenbar in der Hoffnung, Sie würden unbesehen den Totenschein ausstellen“, warf Kolm ein. „Aber mal was anderes: Der Tote hat offenbar auch auf chinesische Orakel vertraut.“ Er sagte es mehr, als dass er fragte. Dabei zeigte er auf das Beistelltischchen neben dem Sessel des Verstorbenen, auf dem sich ein rundes Messingtablett und ein Buch befanden. Das Buch trug den Titel „I Ging“.

Der Tote? Manchmal war die Ausdrucksweise des Chefs leider etwas nachlässig. Tote vertrauten bekanntlich auf gar nichts mehr.

„Wegen jeder Kleinigkeit hat er dieses I-Dings ‚befragt‘.“ Der verächtliche Ton in der Stimme von Jessica Konrad verriet, was sie davon hielt.

„Er hat mir das mal erklärt. Eine gerade Augenzahl auf dem Würfel bedeutete eine durchgezogene Linie, eine ungerade eine unterbrochene. Oder umgekehrt“, sagte der Arzt. „Daraus ergab sich irgendwie ein Muster, dessen Bedeutung er im Buch nachgeschlagen hat.“

„Ein Würfel sagen Sie?“ Kästing war hellhörig geworden.

„Ja, der lag immer auf dem Tablett.“ Ratlos runzelte Dr. Franke die Stirn.

„Hat jemand ihn an sich genommen?“, fragte Kolm.

Jessica Konrad und Simon schüttelten den Kopf.

„Hm“, machte Kolm. Mit Blicken suchte er den Perserteppich um den Sessel mit dem Toten herum ab.

Kästing machte sich eine Notiz. „Ich werde die Spurensicherung informieren, dass sie uns Bescheid geben, wenn sie ihn finden“, sagte er und ging seinem Chef hinterher, der ihn mit einer Geste aufgefordert hatte, ihm in den Flur des Hauses zu folgen. Dort flüsterte Kolm ihm zu: „Nun, Kästing. Der Fall ist klar. Was uns nur fehlt, sind die Beweise.“

Draußen näherten sich Motorengeräusche. Dann hörten sie ein Rumpeln und ein Rattern.

„Das ist die Müllabfuhr. Jetzt aber schnell“, sagte Kolm aufgeregt.

Kästing verstand, zog Einmalhandschuhe aus der Tasche und sprintete los.

Kurz darauf kehrte er zurück und präsentierte den im Salon Versammelten seinen Fund: einen Würfel und ein paar Haushaltshandschuhe, so klein, dass sie keinem der anwesenden Männer gepasst hätten.

„Sehr schön, mein Lieber“, meinte Kolm vergnügt. „Ich muss sagen, Sie duften nicht gerade nach Rosen. Aber Ihr Einsatz hat sich gelohnt. Vielleicht möchten Sie draußen auf die Leute von der Spurensicherung warten und den Kollegen die Beweise übergeben.“

Mist, gerade jetzt, wo der Chef die Verhaftung vornehmen würde. Widerstrebend verließ Kästing den Raum.

Im Hinausgehen hörte er noch, wie Kolm freundlich sagte: „Ich denke, Sie sollten gestehen, Frau Konrad. Unsere Experten werden auf dem Würfel und außen an den Handschuhen das Gift nachweisen können und innen in den Handschuhen Ihre DNA, vielleicht auch Fingerabdrücke.“

Später auf dem Revier fragte Kästing: „Sie ahnten wohl ziemlich schnell, wer der Täter war, was Chef?“

„Ahnte?“ Kolm warf sich in die Brust. „Ich wusste es. Alles eine Frage der Logik, mein Lieber. Der Arzt konnte es nicht sein, denn er hat uns gerufen. Irgendeinen Fremden hätte der Tote“, schon wieder ließ der Chef eine Leiche handeln, „wohl nicht in diesen Raum, sein Allerheiligstes, in dem er sich sicher fühlte, hineingelassen. Blieben also nur noch zwei, die die Möglichkeit hatten. Und der Neffe hatte offensichtlich eine Todesangst vor der ‚Mordwaffe‘.“ Er malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft.

„Ich muss allerdings zugeben, dass mir eine Sache Rätsel aufgab.“ Seine Gedanken drifteten zurück zu der Verhaftung der Täterin.

„Was mir nicht klar ist, ist das Motiv.“ Neugierig beäugte Kommissar Kolm die Dame des Hauses.

„Das Motiv? In den Wahnsinn hat er mich getrieben mit seinem Verfolgungswahn. Ich durfte nur noch kochen, was er höchstpersönlich eingekauft hat. Dann die ewige Würfelei. Und den schönen Salon hat er total verschandelt mit dem Gitter vor dem Fenster.“

Kolm kehrte in die Gegenwart zurück und legte nachdenklich den Kopf schief. „Überlegen Sie nur, Kästing: Seine Paranoia war sein Tod. Das nennt man wohl eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.“

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