Kostenloser Kurzkrimi Nr. 4: Stalker

Falls Sie lieber hören als lesen, schauen Sie einmal hier: Mini-Hörbuch STALKER.

Für alle, die lieber selbst lesen, folgt hier mein kostenloser Kurzkrimi Nr. 4:

STALKER

Jennifers Tag begann mit Aerobic am offenen Fenster. So konnte sie die frische Luft einatmen und hatte einen freien Blick auf den Garten. Sie wohnt in einem Bungalow am Stadtrand, einem hübschen, aber recht kleinen Haus. Sie ist ja noch nicht lange berühmt.

Jennifer ist 24 Jahre alt, hat grüne Katzenaugen, seidiges blondes Haar und eine unglaubliche Stimme. Dabei ist sie nur 1,62 Meter groß. Und weil sie regelmäßig trainiert, sieht sie in jeder Art von Outfit wahnsinnig gut aus.

Jennifer machte ein paar Telefonate, dann ging sie zum Briefkasten. Sie sah die Post durch. Ihre Hände begannen zu zittern. Briefe schwebten zu Boden. Nur noch einen hielt sie in der Hand. Das Papier war knallrot.

Als der nächste Brief kam, dann ein dritter und ein vierter, war klar, dass ein Stalker sie geschrieben hatte. Irgendwie hatte er Jennifers Privatadresse herausgefunden, denn Fanpost ging normalerweise an ihre Agentur.

Jennifer Sanders ist der aufgehende Stern am deutschen Musikhimmel. Sie singt nur englische Texte und hatte schon zwei Nummer-1-Hits. Und schauspielern kann sie auch. Das soll das zweite Standbein ihrer Karriere werden.

Dann stand der Kerl eines Tages auf der anderen Straßenseite und rief: „Jennifer, ich liebe dich. Wir gehören zusammen.“ Rrrratsch ging ein Rollladen runter. An diesem Tag hat ihre Agentin sie abgeholt und ins Aufnahmestudio gebracht.

Zwei Tage später hatte er ein Handy dabei. Wählte, beobachtete das Haus. Er sprach. Dieses Mal zog Jennifer alle Vorhänge zu, schloss alle Rollläden. Wie hatte er nur ihre Telefonnummer herausgefunden? Im Telefonbuch stand sie nicht.

Jedes Mal, wenn sie das Haus verließ, wurde sie jetzt von jemandem begleitet. Der Stalker hielt sich eine Zeit lang zurück.

Dann hatte er eine neue Masche. Botschaften auf dem Garagentor und auf der Hausmauer. „Jennifer ich liebe dich“, „Du gehörst nur mir“, „Ich will nicht mehr warten“.

Jennifer ließ eine neue, bessere Alarmanlage einbauen. Heuerte Bodyguards an, die ihr auf Schritt und Tritt folgten.

Sie versuchte, ihr Leben so normal wie möglich weiterzuleben, nicht durchzudrehen. Das sah man. Aber sie nahm ab, ihr Gesicht wurde blass und schmal.

Sie gab weiter vor oder nach ihren Auftritten Autogramme für ihre Fans. Jetzt aber immer scharf bewacht von Männern in dunklen Anzügen, die sofort dazwischen gingen, wenn ein Fan zu aufdringlich wurde.

Der Stalker beobachtete das alles aus der Ferne. Er war nicht mehr ganz jung, eher schmächtig und sein Haar lichtete sich. Wie sich herausstellte, war er Elektrotechniker und arbeitslos. Er hatte also alle Zeit der Welt, sich zu überlegen, wie er Jennifer terrorisieren konnte.

Jennifer war auf dem Weg zum Krankenhaus, um ihre Mutter zu besuchen. Der Bodyguard parkte noch das Auto. Plötzlich stand der Kerl auf dem Weg und versuchte, sie zu umarmen.

Jennifer schrie um Hilfe. Da gab er ihr eine Ohrfeige. „Was glaubst du, wer du bist? Komm endlich zur Vernunft.“ Aus dem Nichts zog er ein Messer. „Ich will doch nur, dass du mich heiratest.“

Jennifer war wie versteinert. Auch die meisten Passanten verharrten reglos vor Schreck. Andere sprachen aufgeregt in ihre Handys. Der Bodyguard sprintete quer über den Rasen. Aber da war der Kerl schon weg. In der Ferne hörte man Polizeisirenen.

Die Zeitungen berichteten tagelang. Riesige Schlagzeilen, Fotos, Interviews mit Freunden und Kollegen von Jennifer. Endlich schien die Polizei das Ganze ernst zu nehmen – aber ohne Erfolg. Norbert Klein, so hieß der Stalker, blieb verschwunden.

Jennifer verschwand ebenfalls – für sieben lange Wochen. Das war schlimm. Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma kamen hin und wieder, schauten sich um, prüften die Post, gossen wohl auch die Blumen. Nichts.

Am 51. Tag war sie endlich wieder da. Ein Taxi brachte sie nach Hause. Ihre Agentin und ein Bodyguard begleiteten sie.

Die Tage kamen und gingen und alles blieb ruhig. Bis zu dem Abend, als die Alarmanlage ansprang. Aber sogar Jennifer konnte darüber lachen, als sich herausstellte, dass es nur die Katze von nebenan war.

Er kam am Freitag um zwanzig Uhr dreißig und versteckte sich im Gebüsch auf dem Nachbargrundstück. Die Bewohner waren anscheinend verreist. Nervös spielte er mit dem Messer. Murmelte leise vor sich hin.

Jennifer hatte Gäste eingeladen. Man hörte Musik. Laute Stimmen und Gelächter drangen durch die offene Terrassentür.

Einundzwanzig Uhr dreizehn. Der Steinbrocken traf ihn mit voller Wucht, ehe er wusste, wie ihm geschah. Das hatte der Kerl nicht kommen sehen. Welcher Stalker denkt schon daran, dass er selbst beobachtet werden könnte? Sein Schädel zerbarst wie eine reife Melone.

Als die Leiche über den Zaun in Jennifers Garten fiel, ging prompt die Alarmanlage an. Sie funktionierte einwandfrei.

Gut so. Der Kerl bot zwar keinen schönen Anblick, aber sie sollte schließlich wissen, dass da draußen jemand ist, der sie beschützt.

Max Hartmann, der Produzent, der sie immer zum Weinen brachte und der eines Morgens mit Herzversagen im Hotelbett gefunden wurde? (Hätte der Arzt genauer hingesehen, hätte er gemerkt, dass der Mann mit einem Kissen erstickt wurde.)

Die Konkurrentin um die Rolle der Marie Antoinette in einem Fernsehfilm, die beim Wandern in eine 30 Meter tiefe Schlucht stürzte?

Jennifers nerviger Bruder, der nur ihr Geld verbraten hat und in dessen Auto die Bremsen versagten?

Und schließlich der Stalker, der sie beinahe aus ihrem Haus verjagt hätte.

Die Presse schreibt von einem Fluch, dass Jennifer vom Unglück verfolgt ist. Dabei ist es das Gegenteil: Es ist Liebe. Die eine große, wahre Liebe.

Jennifer und ich sind füreinander bestimmt. Sie sieht das genauso. Das weiß ich, seit sie auf die Autogrammkarte „Für Detlef“ geschrieben hat und mir danach direkt in die Augen blickte.

STALKER endet mit einem so genannten twist in the tail, also einer  — hoffentlich auch für Sie — unerwarteten Wendung. So ein Ende ist bei Kurzkrimis besonders beliebt.

Wenn ich einen Kurzkrimi schreibe, weiß ich oft den Schluss nicht im Voraus oder er ändert sich während des Schreibens völlig – denn ein „twist in the tail“ fällt mir merkwürdigerweise oft erst recht spät ein. Dann muss ich die Geschichte noch einmal von Anfang an durchgehen und entsprechend ändern und ergänzen (säen, was der Leser am Schluss erntet). Manchmal sind das nur wenige Kleinigkeiten. Eine solche überraschende Wendung schreibe ich am liebsten – falls mir etwas einfällt und falls es zur Geschichte passt. Denn erzwingen lässt sich das nicht.

Alle meine bisher erschienen Anja Zenk-Kurzkrimis sowie diejenigen mit dem gewitzten Kommissar Kolm (also sozusagen mit Serienfiguren) finden Sie in diesem Sammelband:

DieDetektivinundderKommissar

Wenn Ihnen der Sinn nach einer längeren Geschichte steht, empfehle ich Ihnen meinen Thriller „Ohne Skrupel“:

oder meinen Kurzroman „Nicht von gestern“:

nvg2500

Sie sehen, es gibt für jeden etwas 😉

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