Kostenloser Kurzkrimi Nr. 3: Blumen des Bösen (Teil 2)

Hier folgt, wie gestern versprochen, der zweite Teil meines Kurzkrimis BLUMEN DES BÖSEN:

Richard sank von dem Stein, auf den er sich gerade erst gesetzt hatte, und fiel bäuchlings zwischen die Blumen. Er war erstaunlich klein und schmal, wie er so da lag. Trotzdem drückte er die zarten Pflanzen nieder. Schade.

Sie wartete. Er krümmte sich, würgte. Zeit verging. Bienen summten. Vögel landeten auf der Wiese, hüpften umher und flogen weiter.

Dann verstummte sein Atem. Sie kniete sich auf den flachen Felsbrocken, um möglichst wenig Fußspuren zu hinterlassen, beugte sich zu ihm hinunter und fühlte vorsichtig seinen Puls: nichts.

Sie stellte die Thermosflasche auf den Boden und legte die beiden Packungen, die jetzt keine Schlaftabletten mehr enthielten, daneben. Sie hatte den Jackenärmel über ihre Hand gezogen, denn sie wollte auf den Schachteln keine Fingerabdrücke hinterlassen.

Die Schlaftabletten waren Richards. Der Arzt hatte sie ihm nach der Pensionierung verschrieben. Sie war schlau genug, die erste Packung verschwinden zu lassen, so dass er sich eine zweite holen musste. Man wusste nie, wozu man so etwas brauchen konnte.

Zweieinhalb Stunden später schlenderte Iris durch die Kölner Innenstadt. Sie warf die alte graue Strickjacke in einen Altkleidercontainer und die Sonnenbrille in einen Papierkorb. Die braune Perücke, die auf der Rückfahrt ihre kurzen grauen Haare verdeckt hatte, war schon am Bahnhof im Restmüll gelandet.

Sie hatte die Perücke aufgesetzt, nachdem sie den Spaten zurück in den Kofferraum des Autos gelegt hatte. Dann hatte sie ihre Wanderkarte zu Rate gezogen und sich aufgemacht nach Nettersheim. Auf dem Weg und im Zug nach Köln waren ihr zwar einige Menschen begegnet. Wanderer, eine Schulklasse, ein paar Fahrgäste. Aber eine Frau in ihrem Alter beachtete niemand. Und selbst wenn, sie war ja verkleidet.

Richard hatte sich immer darüber lustig gemacht, dass sie so gerne Krimis las. Nun, Lesen bildet. Als er den Ausflug vorschlug, wusste sie, was er vorhatte. Dachte er wirklich, er könne ihr nach all den Jahren etwas verheimlichen? Dass er den Spaten einpackte, bestätigte ihre Vermutung. Sonst nahm er nur eine kleine Schaufel mit, wie man sie auch auf dem Friedhof benutzt.

Wenn jemand fragte, würde sie sagen: „Richard ist zum Wandern in die Eifel gefahren.“ Das tat er schließlich öfter. Und sie hatte einen Stadtbummel gemacht. Falls sie bis morgen früh noch keine Nachricht von seinem Tod hatte, würde sie ihn vermisst melden. Sicher war sie nicht die erste trauernde Witwe, die von den Selbstmordabsichten ihres Mannes nichts geahnt hatte.

Endlich konnte sie die vielen Kurzgeschichten, die sie geschrieben hatte, abtippen – auf seinem geheiligten PC. In ihnen hatte sie die verschiedensten Szenarien durchgespielt. Es ging nichts über eine gute Planung. Die Geschichten wollte sie an Verlage schicken und bei Wettbewerben einreichen. Und jetzt, wo sie unbegrenzt Zeit und Freiraum hatte, würde sie einen Roman schreiben. Auch der würde natürlich, wie schon die Kurzgeschichten, ein Krimi. Sie konnte es kaum erwarten und spürte, wie sie innerlich aufblühte.

Um die Frage von gestern zu beantworten, was ich bei dieser Kurzgeschichte ausprobiert habe: Ich habe die Erzählperspektive gewechselt. Haben Sie’s bemerkt? Zuerst spricht bzw. denkt der Mann (Richard), dann – im heutigen Teil – die Frau (Iris). Normalerweise sollte man bei einer so kurzen Story bei einer Sichtweise bleiben, doch hier gefiel mir der Wechsel, auch, weil er, so hoffe ich, für eine Überraschung sorgt.

Diesen Kurzkrimi und 19 weitere finden Sie auch in meinem Buch SHOWDOWN IN WOHLGELEGEN – zum Selberlesen nund Verschenken und erhältlich im Buchhandel oder bei Amazon:

Alle meine bisher erschienen Anja Zenk-Kurzkrimis sowie diejenigen mit dem gewitzten Kommissar Kolm (also sozusagen mit Serienfiguren) finden Sie in diesem Sammelband:

DieDetektivinundderKommissar

Wenn Ihnen der Sinn nach einer längeren Geschichte steht, empfehle ich Ihnen meinen Thriller „Ohne Skrupel“:

oder meinen Kurzroman „Nicht von gestern“:

nvg2500

Sie sehen, es gibt für jeden etwas 😉

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter für meine Leser veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.