Kostenloser Kurzkrimi Nr. 3: Blumen des Bösen (Teil 1)

Und weiter geht es mit meiner Reihe kostenloser Krimikurzgeschichten. Auch bei dieser habe ich etwas ausprobiert. Was, verrate ich (noch) nicht.

BLUMEN DES BÖSEN

So weit, so gut, dachte er. Niemand aus der Nachbarschaft hatte gesehen, wie Iris zu ihm ins Auto stieg. Zum Glück war die Einfahrt durch hohe Liguster-Hecken verdeckt. Wie gut, dass er sie immer so gut in Schuss gehalten hatte.

Zuerst war sie erstaunt gewesen, als er vorschlug, sie solle ihn begleiten. Normalerweise war er bei seinen Ausflügen gern allein. Aber dann hatte sie zugestimmt. Geradezu begeistert. Wusste der Himmel, was sie sich davon erhoffte.

Er konnte ihr ewiges Geplapper nicht ertragen. Und seit seiner Pensionierung war es noch schlimmer. Er vermisste die Versicherung nicht und auch nicht seine Kollegen. Aber die Ruhe im Büro, die fehlte ihm. Jetzt musste er die Tür des Arbeitszimmers schon mit Nachdruck schließen, um seiner Frau zu entkommen. Am einfachsten war es, wenn er sich erst an den Computer setzte, nachdem sie eingeschlafen war.

Sein Hobby waren Orchideen. Sie waren schlank, ätherisch, exotisch. Und so stellte er sich auch die junge Thailänderin mit dem Namen Orchid vor. Inzwischen hatte er ein Foto von ihr, das er jeden Abend sehnsüchtig auf dem Bildschirm seines PCs betrachtete. Sie war Grundschullehrerin und schon nach wenigen E-Mails und SMS wahnsinnig in ihn verliebt. Wie gerne würde sie nach Deutschland kommen. Aber sie wollte ihre kranke Mutter und ihre jüngeren Geschwister nicht unversorgt zurücklassen. Kein Problem, hatte er ihr geschrieben, er könne ihr Geld schicken.

Aber ein Problem gab es doch: Iris. Sie war schon jetzt misstrauisch und meckerte wegen der hohen Internet- und Handyrechnungen. Nun, für jedes Problem gab es eine Lösung. Alles eine Frage der Planung.

Er hatte Iris erzählt, dass er frühmorgens los wollte, damit ihn niemand beobachtete. Denn was er vorhatte, war streng genommen verboten. Besonders schöne Orchideen schnitt er ab und stellte sie zu Hause in hohe, schlanke Vasen. Andere grub er aus und pflanzte sie in Blumentöpfe. Leider gingen sie schnell ein. Aber es gab ja Nachschub. In der Eifel. Er kannte ein paar abgelegene Stellen, an denen verschiedene einheimische Arten wuchsen. Man durfte sich nur nicht von irgendwelchen Naturschutzaposteln erwischen lassen.

Schon hatten sie die sanften Hügel und flachen Wiesen der Eifellandschaft erreicht. Es war ein schöner Junitag und er freute sich auf den Anblick der seltenen und eleganten Pflanzen. Die Eifel war berühmt für ihre Orchideen – jedenfalls bei Kennern. Wo Orchideen wachsen, ist die Natur noch in Ordnung.

Vor ihnen auf der rechten Seite erschienen eine Kuppe mit einer Gruppe von Laubbäumen und ein Trampelpfad, der hinaufführte. Sie waren am Ziel.

Er parkte den Wagen am Rande der kleinen Landstraße und erklärte Iris, dass hinter den Bäumen verschiedene Knabenkrautarten wuchsen. Das stimmte auch. Warum sollte er nicht einige Pflanzen mitnehmen, wenn er schon einmal hier war?

Iris griff hinter ihren Sitz, zog die kleine Thermosflasche aus der unförmigen braunen Ledertasche, die sie immer mitschleppte, und hielt sie ihm hin. „Noch ein Schluck Kaffee, ehe wir losgehen?“

Keine schlechte Idee. Er goss den Becher voll und trank. Der Kaffee war wirklich extrem stark. Gut so. Er würde ihn hellwach machen. Seine Reaktionsfähigkeit erhöhen. Danke, Iris, dachte er und verzog den Mund zu einem winzigen ironischen Lächeln.

Er trank noch einen halben Becher. Dann gab er ihr die Thermosflasche zurück und sie stellte sie vorsichtig in ihre große Umhängetasche. Sie stiegen aus. Warum diese Frau immer so eine riesige Tasche mitschleppte, war ihm ein Rätsel. Aber das würde er jetzt nicht mehr lösen.

Er holte den Spaten aus dem Kofferraum. Merkwürdig, wie schwer er ihm plötzlich vorkam. Er wusste noch nicht, ob er Iris erschlagen sollte oder doch erwürgen. Das würde er dem Augenblick überlassen. Und dann entscheiden, ob er ihre Leiche tatsächlich irgendwo vergraben oder doch von einem Raubmord erzählen sollte. Sich Dinge auszudenken war schon in der Schulzeit nicht seine Stärke gewesen und er hatte Aufsätze gehasst wie „Mein aufregendstes Erlebnis“ oder „Ein Besuch im Zoo“. Außerdem fühlte er sich plötzlich seltsam leer im Kopf.

Wortlos nahm Iris ihm die schwere Schaufel aus der Hand und er war ihr tatsächlich dankbar. Er hatte den Weg nicht als so anstrengend in Erinnerung und so heiß brannte die Sonne an diesem Junimorgen doch auch noch nicht.

Endlich hatten sie die Bäume umrundet und standen vor einer Blumenwiese. Dicht an dicht ragten die violetten Blütenstände aus dem Gras empor. Schmetterlinge taumelten von Blüte zu Blüte. Er schwankte. „Ich muss mich setzen“, stieß er hervor und plumpste auf einen Felsbrocken. Wenigstens hatte Iris aufgehört zu reden.

Wie es weitergeht, erfahren Sie morgen an dieser Stelle. Wer es gar nicht abwarten kann, der kann die gesamte Geschichte auch bei Wattpad lesen.

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Sie sehen, es gibt für jeden etwas 😉

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