Kostenloser Kurzkrimi Nr. 2: Randale

Kurzgeschichten eignen sich wunderbar, um verschiedene Dinge auszuprobieren. Die folgende habe ich aus der Ich-Perspektive erzählt.

RANDALE

Als ich im Krankenhaus aufwachte, wusste ich zuerst nicht, wie ich dort gelandet war. Aber dann fiel es mir wieder ein.

Der Tag hatte so gut angefangen. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Die Passanten waren gut gelaunt und in der Stimmung, Geld auszugeben. Es war ein Samstagmorgen im April und langsam belebte sich Die Zeil – „Deutschlands umsatzstärkste Einkaufsstraße, die täglich eine halbe Million Besucher anlockt!“, wie es in der Stadtwerbung heißt.

Auch ich war guter Laune – und bereit, dieses Idyll mal ordentlich aufzumischen. Ich kippte mir Bier ins Gesicht, warf die Dose in den Rinnstein und zog die Kapuze meines grauen Sweatshirts über den Kopf.

Zum Aufwärmen pöbelte ich einen gepflegten älteren Herrn an: „Ey, aus dem Weg, du Sackgesicht.“

Dann trat ich ein paar Mal nach einem Penner, der es sich in einem Hauseingang gemütlich gemacht hatte, und blies ihm meinen Bieratem ins Gesicht. „Ey, du Penner. Glotzt’n so blöd?“

Im Weggehen stieß ich die Dose mit seinem erbettelten Kleingeld um. Schöner Sound-Effekt. Es schepperte und klingelte und die Münzen rollten in alle Richtungen. Den Fünf-Euro-Schein steckte ich ein.

Ein paar Einkaufsbummler schauten weg und machten, dass sie weiterkamen. Andere starrten mich an: ängstlich, entgeistert oder böse. Einige tuschelten miteinander oder murmelten empört. Aber ansonsten ließen mich alle in Ruhe.

Ich war gespannt, ob jemand die Polizei rief. Sollten sie doch.

Schon hatte ich mein nächstes ‚Opfer’ erspäht. Die ältere Dame wirkte harm- und hilflos. Ich grinste hämisch. Leichte Beute.

Mit einem Ruck riss ich am Gurt ihrer Umhängetasche.

„Was erlauben Sie sich?“, rief sie mit zitternder, aber erstaunlich lauter Stimme. Hartnäckig hielt sie ihre Tasche mit beiden Händen umklammert. Sie zog in die eine Richtung, ich hielt dagegen. Wäre doch gelacht.

Da fasste jemand meinen rechten Arm. Gleichzeitig kreischte mir eine Frauenstimme ins Ohr: „Loslassen, du Mistkerl!“ Ein oder zwei Dezibel mehr und mir wäre das Trommelfell geplatzt.

Aber da kam sie bei mir an den Richtigen. So schnell gebe ich nicht auf.

„Ey, du dumme Kuh. Zieh Leine.“

Ich schüttelte sie ab und konzentrierte mich auf die Handtasche. Da ging eine Dritte, noch ganz jung und mit schwarz umränderten Augen, wie eine Furie auf mich los.

„Lass die Omma in Ruhe, du fiesen Kerl.“

Ich dachte noch: ‚Kommt die aus Köln?’, da erwischte sie mich voll mit der spitzen Ecke ihrer Einkaufstasche knapp neben meinem linken Auge. Leider war das nämlich keine Plastiktüte, sondern so eine Tasche aus festem, glänzenden Papier von einer Parfümerie. Schon schwang sie das Teil erneut an seinen Griffen aus roten Kordeln.

Es war das reine Chaos. Die Alte zog an ihrer Tasche, die Junge ging dazu über, mir mit ihrer beringten Faust ins Gesicht zu schlagen und, davon ermutigt, trat mir die Kreischende mit ihren spitzen Pumps gegen das Schienbein.

Ich verlor erst den Überblick und dann das Gleichgewicht, denn jemand hatte mir einen kräftigen Stoß gegeben.

Ich dachte: Jetzt bringen sie dich um – und nur, weil du eine Handtasche klauen wolltest. Dann habe ich das Bewusstsein verloren.

Vielleicht wäre in der Fressgass oder in der Goethestraße alles anders gelaufen. Oder auch nicht. Wenigstens hatte ich genug Verstand besessen, einen Tiefschutz anzulegen. Sonst wäre es mir noch übler ergangen. Nie hätte ich gedacht, dass Frauen so brutal sein können.

Dabei habe ich noch versucht, alles zu erklären und zu rufen: „Das ist doch nur gestellt. Ich bin Schauspieler.“

Allerdings war es schwierig, ein Wort herauszubekommen, weil ich mich gleichzeitig vor den Schlägen einer kleinen, aber erstaunlich kräftigen älteren Frau schützen musste, die mit ihrem Stockschirm auf mich einprügelte und jeden ihrer Hiebe unterstrich, indem sie, passend zum Rhythmus ihrer Hiebe, ausstieß: „Dir – werd’ – ich’s – zeigen – alte – hilflose – Frauen – zu – ü – ber – fal – len!“

Mein angebliches Opfer hat, als ich am Boden lag, noch versucht, die Leute wegzuziehen. Doch erst der Kameramann, der sich an einem Fenster im ersten Stock eines Bürogebäudes postiert hatte, um alles zu filmen, und der sich für meinen Geschmack für seinen Weg von dort hinunter zum Ort des Geschehens ziemlich viel Zeit ließ, also, erst dieser Kameramann und ein herbeigeeilter Polizist konnten die Leute beruhigen und überzeugen, dass es sich nur um einen Test des Lokalfernsehens handelte.

Die Aufzählung, die ich am nächsten Tag auf meinem Krankenblatt las, war brutal: ein zugeschwollenes Auge, Kratzspuren im Gesicht, ein ausgerenkter Daumen, zwei gebrochene Rippen und jede Menge blaue Flecken.

Mangelnde Zivilcourage? Das ich nicht lache. Da mache ich lieber wieder Anti-Gewalt-Training mit Teenagern. Die schlagen nicht so fest zu. Aber erst müssen die Rippenbrüche verheilen.

Was ich hier noch ausprobiert habe? Zum Beispiel, ohne Mord auszukommen.

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Sie sehen, es gibt für jeden etwas 😉

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