NICHT VON GESTERN – ein Kapitel gibt’s noch

Vor ein paar Tagen habe ich bereits das Vorwort und das erste Kapitel meiner Krimikomödie NICHT VON GESTERN hier im Blog gepostet. Sozusagen als Vorgeschmack auf das E-Book, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Für alle, die neugierig sind, wie’s weitergeht, hier das

2. KAPITEL

Zwei Wochen zuvor.

Bruno Soll, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters, geht den Weg zur Klinik hinauf. Er kommt an einem länglichen Schild vorbei, das mit Stangen im Rasen verankert ist und die Aufschrift trägt: SANKT-HEDWIG-KRANKENHAUS.

Im Eingangsbereich stehen die üblichen Raucher, unter ihnen der Pfleger Jens Held. Soll beachtet sie nicht und betritt das Krankenhaus.

In der Eingangshalle zieht er einen Zettel aus der Manteltasche und schaut ihn an. Eine einzige Zahl steht darauf: 107. Soll studiert die Tafel, auf der die Abteilungen und Zimmernummern aufgelistet sind. Er sieht sich um und geht dann zügig durch eine Glastür zu seiner Linken.

Die Putzfrau Flora Negrescu wischt schwungvoll den Flur. Ohne anzuklopfen öffnet sie die Tür zum Zimmer mit der Nummer 107, schiebt den Wagen mit ihren Utensilien hinein und putzt weiter, ohne aufzublicken.

Hinter ihr erscheint Bruno Soll. Er schaut neugierig ins Zimmer. Dann fällt auch schon die Tür vor seiner Nase zu.

Leise summt Flora das Lied mit, das aus einem CD-Player ertönt: „Bochum“ von Herbert Grönemeyer. Eine Fliege brummt schwerfällig immer wieder gegen die Fensterscheibe, angezogen von der Sonne, die einige blühende Kirschbäume bescheint.

Flora wischt um ein Bett herum, in dem eine Patientin liegt, die intravenös ernährt wird. Sie hat die Augen geschlossen und schläft offenbar.

Flora nimmt einen feuchten Lappen. Mit der linken Hand hebt sie zuerst eine Vase mit verstaubten Trockenblumen hoch und dann ein abgegriffenes Buch „Die 100 besten Arztwitze“. Flink wischt sie über die Platte des Nachttischs.

Die Putzfrau arbeitet sich auf das Bett von Carola Giovane zu, die ebenso reglos daliegt wie ihre Zimmerkollegin. Hier hat Flora mehr Arbeit: Auf dem Nachttisch und auf einem Tischchen auf der anderen Seite des Betts stehen Fotos von Carolas Familie, frische Blumen, ein kleiner Stapel CDs (manche selbst gebrannt) und der CD-Spieler.

Grönemeyer beginnt das Lied von der „Currywurst“. Flora summt mit.

Plötzlich reißt Carola die Augen auf. Ihr Mund öffnet sich ebenfalls und das erste Wort, das sie nach Jahren im Koma spricht, ist: „Pizza.“

Flora schaut irritiert zur Tür. Niemand zu sehen. Sie zuckt die Achseln.

Da ertönt die Stimme erneut – und dieses Mal mit mehr Nachdruck: „Ich will PIZZA.“

Carola versucht sich aufzusetzen, sie macht eine ungeschickte Bewegung und ihre Decke fällt aus dem Bett.

Jetzt erkennt Flora, was geschieht. Sie stolpert rückwärts, wirft den Putzeimer um, reißt die Tür auf und rennt auf den Gang. Dort schreit sie: „Schwester Gisela! Schwester Gisela!“

Die Fliege sucht und findet das Weite, gerade als der erste Arzt ins Zimmer stürzt.

***

Vorm Sankt-Hedwig-Krankenhaus sprechen verschiedene Fernsehreporterinnen und Fernsehreporter atemlos in ihre Mikrofone: „Es ist kein Aprilscherz: 15 Jahre nach einem Autounfall erwachte Carola Giovane heute, am 1. April, aus dem Koma.“

„Die Mutter zweier Kinder hatte bei einem Unfall vor 15 Jahren schwere Kopfverletzungen erlitten und war seitdem nicht ansprechbar.“

„Carola Giovane erschreckte heute in der St. Hedwig-Klinik die Raumpflegerin Flora Negrescu zu Tode, als sie sich plötzlich aufsetzte und nach einer Pizza verlangte. Die gute Frau steht immer noch unter Schock.“

„Die Ärzte betonen die spezielle Pflege für Koma-Patienten in ihrem Haus, können sich das Wunder aber im Grunde auch nicht erklären. Wie ein Lauffeuer hat sich das Wunder der plötzlichen Heilung herumgesprochen. Die Menschen sind begeistert und Schaulustige versuchen einen Blick zu erhaschen auf diese glückliche Familie: Carola Giovane, ihren Mann Paolo und ihre Kinder Julia und Marco. Ich will versuchen näher heranzukommen.“

„Hier sehen Sie erste Bilder aus dem Krankenhaus und von einer improvisierten Pressekonferenz.“

Dazu flimmern die immer selben Aufnahmen über die Bildschirme der Zuschauer: Carola im Krankenbett, umringt von ihrer Familie. Ihr Mann Paolo ist gutaussehend auf eine angegraute, väterliche Art. Ihr Sohn Marco, um die 20 Jahre alt, ist fotogen wie ein junger Filmstar und seine Augen funkeln ebenso übermütig wie die seiner Mutter. Ihre Tochter Julia, ist ein Teenager, ernsthaft wie ihr Vater und etwas überfordert von dem ganzen Rummel.

Andere Bilder zeigen die vier draußen im Park mit dem Leiter der Klinik, Professor Leonhardt, Dr. Raimund Berger und der Putzfrau Flora. Carola sitzt in einem Rollstuhl. Sie hat langes Haar und trägt Kleidung von vor 15 Jahren. Marco filmt alles mit einer Digital-Videokamera. Hinter dem Zaun, der die Grünanlage der Klinik umgibt, haben sich Schaulustige versammelt. Manche winken in die Fernsehkameras. Bruno Soll drängt sich vor und versucht, etwas zu erkennen. Als er Carola erspäht, dreht er sich um und geht.

Schließlich bringt Paolo Carola, der es sichtlich schwerfällt, sich loszureißen und die immer wieder in die Kameras lächelt und Fragen beantwortet, zurück in die Klinik. Männer vom Sicherheitsdienst verstellen den Reportern an der Eingangstür den Weg.

So, ich denke, das sollte fürs Erste genügen. Für alle, die genauer wissen möchten, worum es in NICHT VON GESTERN geht, hier der Ankündigungstext:

Während sie schlief, wurden ihre Kinder erwachsen. Sie jedoch leider nicht.

Carola Giovane erwacht nach 15 Jahren aus dem Koma und muss sich in ihrer Familie, einem veränderten Deutschland und in dem Körper einer Frau Anfang 40 einleben. Doch damit nicht genug. Denn Mitpatientin Vanessa gerät in die Klemme, und um ihr zu helfen, muss die umtriebige Carola einen Mord aufklären.

„Während du schliefst“, so lautet der Titel eines bekannten Films mit Sandra Bullock. Was aber, wenn jemand länger „schläft“ und erst nach 15 Jahren in einer völlig veränderten Welt wieder aufwacht? Die Kinder (fast) erwachsen und alles kostet nur noch die Hälfte – na ja, fast. Jennifer Garner wurde in ihrem Film „30 über Nacht“. Wie muss sich da die ausgeflippte Carola Giovane fühlen, als sie aus dem Koma erwacht und plötzlich 42 Jahre alt ist?

Diese Novelle ist ein Experiment, denn sie entstand aus einem Drehbuch und die Leser sind eingeladen, die einzelnen Rollen in Gedanken selbst zu besetzen und Spielorte nach ihrer Vorstellung auszustatten. Film ab fürs Kopfkino.

Das Buch erscheint voraussichtlich im Dezember als Kindle-E.Book bei Amazon.

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